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111 Meisterwerke

 Opus 55-A

 

Kollapsismus 1

Kollapsismus I

HAW  2011, Museum für Moderne Kampfkunst

 

 

Einleitung

 

"Die Produktionskosten dieses Bildes belaufen sich auf 100 Millionen US Dollar." Diese Aussage verblüffte die Fachwelt bei der Pressekonferenz anlässlich der öffentlichen Vorstellung des Werkes. Die Erklärung: Das vorliegende Objekt ist nicht einfach ein Bild sondern ein zwei Stunden langer Kinofilm, bestehend aus 172.800 Einzelbildern, die allesamt übereinander kopiert wurden. 

 

 

Vorgeschichte: Form + Innovation

 

Die Filmindustrie verzeichnet rückläufige Zahlen. Nach der Einführung des Tonfilms, gefolgt vom Farbfilm, gab es kaum wirkliche Neuerungen. 3D-Filme werden nur zögerlich angenommen und die ersten 4D-Filme ernteten mit Ausnahme einiger Rezensenten aus Parallelwelten nichts als Kopfschütteln. Seit Jahrzehnten stagniert die Entwicklung des Geruchfilms, trotz Milliarden Subventionen von der chemisch-pharmazeutischen Industrie und bis 1990 von der DDR.

Auch die stilistischen Mittel sind ausgereizt. Selbst ambitionierte Verfahren wie wackelnde Bilder, hemmungslose Schwenks und abgehackte Zooms reichen den modernen Filmschaffenden nicht mehr zur Realisierung ihrer künstlerischen Utopien. Ein neues Element musste her und es wurde von mutigen Visionären gefunden.

Ausgangspunkt war eine anamorphe Ausschreibung der Filmförderung, die Konzepte hervorbrachte wie das "Filmen ohne Film" als Weiterentwicklung minimal realistischer Aktionskunst, basierend auf dem "Null-Zuschauer Ansatz" der Traumraum Schule, und die Ein-Pixel-Technologie der kompositorischen Ultrareduktionsfreunde.

 

 

Inhalt

 

Der Film, das Bild, erzählt die Geschichte der Kampfkunst, von den Anfängen bis heute. Die neueren Aufnahmen werden dominiert von Anti Ereignissen, zeigen Anti-Meister, Anti-Schüler, Anti-Verbände, Anti-Prüfer, Anti-Graduierungen, Anti-Vereine und Anti-Training. Da die Bilder in zeitlicher Reihenfolge ineinender kopiert wurden, sind die aktuellen Vorgänge am klarsten zu erkennen. Der Betrachter mag so beim ersten Ansehen zu dem Schluss kommen, dass die heutige Situation das Maß der Dinge sei, gar ein Höhepunkt der Evolution. Der Blick des Konsumenten wird getrübt vom Gift der Oberflächlichkeit des leicht Erreichbaren. Erst bei genauerer Begutachtung, erst beim Eintauchen in tiefere Bildebenen wird das wahre Geschehen deutlich und der augenblickliche Zustand als eine Collage des Grauens entlarvt.

 

Die Erkundung des Werkes erscheint zunächst schwierig, ist aber mit etwas Einsatz von jedem zu bewerkstelligen. Sogar die einfachsten Rasterelektronenmikroskope, die man mit Physik Experimentierkästen bauen kann, sind in der Lage, tiefere Regionen sichtbar zu machen. Und die nächste Generation von Smartphones wird neben Trüffelschwein Funktionalität auch Apps mit Teilchenbeschleunigeranbindung durch Bluetooth aufweisen. So kann man sich auf Entdeckungstour begeben, kann die Wirklichkeit hinter dem Tagesgeschehen erkunden, kann reisen durch die Schichten und die Geschichte der Kampfkünste und einer unbekannten Welt begegnen. Ganz nebenbei erleben wir hier die Geburt einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, der sogenannten Budo Forensik.

 

 

Internationale Kritikerstimmen

 

Der moderne Rattenfänger von Hameln hat keine Flöte mehr, sondern eine Prüferlizenz, und er kommt auch nicht mehr aus Hameln. Und die Fachverbände sind Großhändler für Phantasie-Graduierungen geworden, ihre Vereine Selbstbedienungsläden für die verstofflichten Insignien einer kommerzialisierten Selbsttäuschungskultur. Es ist Augenwischerei im industriellen Maßstab wie man es bislang nur von Investment Banking, Bio-Atomkraftwerken und Sonnenkollektoren aus Bodenhaltung kannte. Das ist die Kernaussage des Bildes.

 

... werden die schönen Künste um eine Ausdrucksform bereichert, die selbst die ausgeklügelsten Elefantenkuh Mobiles in den Schatten stellt.

 

... erleben wir einen Jahrmarkt der Unfähigkeit und Vetternwirtschaft, der sich durch dieses Werk bis zu seinen Wurzeln zurückverfolgen lässt.

 

Obwohl der optische Gesamteindruck von einem Einheitsbrei schmieriger Grau- und Schwarztöne geprägt wird, gibt es hier und da Reste energiegeladener Farbflächen.

 

Der Versuch, Konservendosen mithilfe von al dente gekochter Pasta zu öffnen, wird in seiner bedenklichen Virtuosität noch vom Schönreden der Anti-Dojos und Antisenseis übertroffen.

 

... wird der Serienpfusch im Sport-Spaß Budo rücksichtslos entblößt.

 

... eines der Dinge, die das Leben ändern können, ein Ausweg von der Schnäppchenjagd nach wertlosen Rangsymbolen.

 

... portraitiert mehrere Generationen von Budoka auf ihrem idyllischen Weg in den Abgrund.

 

... die enthusiastische Gleichgültigkeit steckt an und macht Lust auf mehr.

 

... illustriert eine Entwicklung, von der man sich immer wieder gerne abwendet.

 

... versöhnt die Erkenntnis, dass es bald nicht mehr schlimmer kommen kann.

 

... gebirt die Romanze zwischen Heuchelei und Machtgeilheit ein zauberhaftes Klima der Dekadenz.

 

... haben sich die Helden der Vergangenheit als rückgratlose Mitläufer entpuppt.

 

... rituelle Lehrgänge als Gelddruckmaschine, eine Hommage an vulgärkapitalistische Abzocke.

 

... können jetzt die Früchte jahrzehntelanger Konditionierung geerntet werden.

 

 

Resümee

 

Dieses Artefakt ist das Gründungswerk einer neuen Stilrichtung der bildenden Kunst, des Kollapsismus oder Hyperkurzfilms. Belächelt, verachtet und verspottet wie einst die ersten Vertreter des Impressionismus, arbeitet auch hier die Zeit für das Genre und wird eine wahre und andauernde Wertschätzung hervorbringen.

Die innewohnenden Ausdrucksmöglichkeiten dieser Kunstform eignen sich in revolutionärer Weise dazu, kulturhistorische Meilensteine in kompakter Form darzustellen. Eine nachhaltige Sichtweise auf die Drei-Liter-Wassertomate, Online Akkupunktur und den Volksentscheid über Klimawandel rückt in greifbare Nähe.

So ist dieses Exponat eine Analogie zu Entwicklungen im Kampfkunstbereich. Es ermuntert den Betrachter nicht nur Lehren zu ziehen, sondern auch neue Bilder zu erzeugen, den Film und die Geschichte fortzuführen und das momentan vorherrschende Geschehen zu einem dunklen Kapitel zu machen, zu einer vermeidbaren Bildstörung.

© 2011  HAW + TDI + UFA

 

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